Unterkühlung, allgemeine

Roche Lexikon Logo
  • Englischer Begriff: hypothermia

Zustand des Organismus als Folge anhaltender bzw. langzeit. Kälteeinwirkung (s.a. Hypothermie). Stadien: 1) Erregungsstadium (37–34 °C Kerntemperatur = KT), 2) Erschöpfungsstadium (unter 30 °C). Für Begrenzung/Kompensation der Wärmeverluste setzen Gegenregulationen ein (s.a. Wärmeregulation); durch Thermorezeptoren der Haut u. des Rückenmarks wird i.S. des Wärmeersatzes eine Tonussteigerung der quer gestreiften Muskulatur ausgelöst bis hin zum Kältezittern (nimmt ab 35 °C KT ab; führt zu bis zu 20facher Stoffwechselsteigerung; nachfolgend Erschöpfung u. Verbleiben von Stoffwechselprodukten in der Peripherie). Gefahr der U. v.a. bei Schiffbrüchigen (auch Windsurfer-Unfälle) u. bei ungenügendem Kälteschutz nach Unfällen (z.B. Bergunfällen); als Kompl. treten bei Ersteren Seekrankheit mit Schlaflosigkeit u. Dehydratation auf; nach Verschüttung evtl. zusätzlich CO2-Narkose. Klinik: Verwirrtheit, Desorientierung (ab 36 °C KT); im Erschöpfungsstadium (mit Erschöpfung der Glykogen-Reserven) Apathie, zunehmende Muskelstarre, Herzfrequenz- u. Pulsverlangsamung mit Arrhythmie (Bradyarrhythmie); ab 30 °C Bewusstlosigkeit, Weitstellung u. Lichtstarre der Pupillen. Bei Unterkühlung durch Alkoholintoxikation längere Lebenschance: hier fehlt die initiale Stoffwechselstörung; dadurch Verzögerung der Reservenerschöpfung (der gleiche Effekt wie bei künstlicher Hibernation unter Narkose sowie bei Muskelrelaxation). Diagn.: Laborchemie: metabolische u. respiratorische Azidose, Elektrolytverschiebungen (ab 28 °C KT v.a. Kaliumverschiebung in den Interzellularraum). Erstmaßnahmen: Vermeiden starker Lageänderungen des Unterkühlten. Gefahr des „Bergungstodes“ durch Kammerflimmern oder Asystolie infolge akuter Verlagerung kalten Körperschalenblutes in den Körperkern (s.a. Tourniquet-Schock). Transport möglichst horizontal u. bei gleichzeitigem Warmhalten. Vor u. während des Transports ist evtl. Reanimation mit Herzdruckmassage erforderlich, die bis zur Erwärmung über 30°C aufrechterhalten werden sollte. Zum Schutz vor weiterer Auskühlung Auswechseln nasser Kleidung (im Liegen), Einhüllen in Isolationsdecke, wenn möglich Wärmepackung u. Verabfolgung heißer, gezuckerter Getränke (evtl. Infusion von warmer Glucose- oder von 8,4%iger Natriumbicarbonat-Lösung; evtl. mit Cortison). Der möglichst rasche Transport erfolgt optimal in eine Klinik mit Herz-Lungen-Maschinen-Bereitschaft. Ther.: Weiterbehandlung (möglichst unter EKG-Monitoring u. rektalem Temperatur-Monitoring) erfolgt durch Intubation u. Beatmung (falls nötig), v.a. aber durch Aufwärmen, u. zwar durch Wärmepackung oder durch auf den Rumpf beschränktes Wasserbad (40–43 °C, bei Einsatzbereitschaft einer Herz-Lungen-Maschine; schnelle Erwärmung begünstigt schnelles Überschreiten der Defibrillationsschwelle); Kontrolle des zentralen Venendrucks, Blutgasanalyse, evtl. Azidosebehandlung; Kontrolle der Serumwerte von Glucose, Elektrolyten u. Harnstoff; Kontrolle der Harnausscheidung. Bei Kammerflimmern Defibrillation, bei Asystolie Adrenalingabe sowie Natriumbicarbonat-Lösung (8,4%ig). Im Extremfall zentrale Aufwärmung nötig; erfolgt über einen partiellen femoralen Bypass, durch Peritonealdialyse, warme Magenspülung, warme Infusionen; evtl. Notthorakotomie mit Übergießen des Herzens mit warmer physiologischer Kochsalzlösung (40 °C).

Medizin-Lexikon durchsuchen

Wonach suchen Sie? Bitte geben Sie Ihren Suchbegriff ein:

Roche Lexikon – ein Service von Urban & Fischer/Reed Elsevier

Das Roche Lexikon Medizin gibt es auch als Buch, CD-Rom, Kombiausgabe und mit Rechtschreibprüfung.