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Gewalt in der Pflege

Immer wieder tauchen solche Schlagzeilen auf: "Pfleger tötet Heimbewohner" oder "Skandal im Altenheim - Bewohner gequält und unterversorgt". Jedes Mal kommt es zu einem Aufschrei der Bevölkerung, jedes Mal geben Politiker und Experten Erklärungen ab. Was aber führt zu Gewalt gegen pflegebedürftige Menschen? Mord und Totschlag sind in den Alten- und Pflegeheimen nicht an der Tagesordnung, Aggression gegen Pflegende gibt es auch zu Hause. Wann und wo beginnt die Gewalt in der Pflege?

Gewöhnung an veränderte Lebenssituation

Rund 2 Millionen Menschen sind derzeit in der Bundesrepublik Deutschland pflegebedürftig. Wer pflegebedürftig wird, sieht sich einer völlig neuen Lebenssituation gegenüber. Er muss - abhängig vom Grad seiner Pflegebedürftigkeit - seine Unabhängigkeit aufgeben, ist bei der Bewältigung des Alltags auf die Hilfe Anderer angewiesen. Frust und Zorn bis zur Aggression sind zumindest in der Anfangsphase keine Seltenheit.

Mit diesen Emotionen des Pflegebedürftigen muss das Personal ebenso umgehen können wie mit den körperlichen Einschränkungen, die die Pflegebedürftigkeit ausmachen. Daneben die Angehörigen: Sie fühlen sich oft schuldig, weil sie ihr Familienmitglied nicht länger zu Hause betreuen können oder wollen. Diese drei Gruppen treffen aufeinander, wenn ein Mensch pflegebedürftig wird. Eingebettet sind alle in das System Pflegeversicherung, das in erster Linie wirtschaftliche Aspekte der Betreuung in den Vordergrund stellt.

Was ist Gewalt?

Offene Aggression gegen Pflegebedürftige bis hin zu Mord, Raub und Betrug sind trotz aller Sensationsberichte selten. Trotzdem gibt es diese Gewalt und sie kündigt sich manchmal schon frühzeitig an: Nach einer Studie des Wittener Psychatrie-Professors Dr. Karl Beine Chefarzt des St. Marien - Hospitals in Hamm und Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie an der Universität Witten/Herdecke gibt es eine bei Pflegenden eine "zynische Erstarrung" gegenüber dem Beruf, die sich schon relativ weit vor der eigentlichen Tat in verrohter Sprache und Selbstisolation innerhalb der Arbeitsgruppe bemerkbar macht.

Eine Möglichkeit zur Früherkennung und Verhinderung von Gewalttaten in der Pflege liegt nach Beine in einer Arbeitsatmosphäre, in der das klinische Personal auch über seine aggressiven Fantasien offen reden kann. Eine solche Kultur der offenen Aussprache ist in Kranken- und Pflegeeinrichtungen bisher jedoch kaum zu erkennen.

Subtile Gewalt

Gewalt in der Pflege ist aber in der Regel wesentlich subtiler und wird oft gar nicht als Aggression begriffen. Verletzung des Schamgefühls, Mangel in der Ernährung, hygienische Verwahrlosung, verbale Attacken und körperliche Angriffe in allen Schattierung stehen auf der Liste der Anklagepunkte.

Die ungenehmigte Fixierung, nachweislich nachts noch häufiger als tagsüber, bei der die Pflegebedürftigen festgebunden werden, ist nach dem Strafgesetzbuch ein Tatbestand der Freiheitsberaubung. Auch wenn Patienten unerlaubt geduzt werden oder ihnen Redeverbot erteilt und Zuwendung entzogen wird, ist Aggression im Spiel.

Oft nicht bewusst

In vielen Fällen geschehen diese Entgleisungen nicht bewusst. Die Belastung der täglichen Aufgabenbewältigung lässt den Mitarbeitern in vielen auf Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Pflegeeinrichtungen nicht genug Zeit, um individuell und intensiv auf die Schützlingen einzugehen. Alte, kranke Menschen brauchen Ansprache und persönliche Betreuung. In vielen Fällen sind die Angehörigen nicht bereit oder in der Lage, dieser Ansprechpartner zu sein. Daher müsste es in den Alten- und Pflegeheimen wesentlich mehr Zeit und Personal für die individuelle Betreuung der Patienten geben.

Schwierige Balance

Doch der Vorwurf der (wenn auch subtilen) Gewalt gegen Alte hat eine Facette, die in der öffentlichen Diskussion gerne übersehen wird. Die Heime und das Pflegepersonal haben eine Verpflichtung zur Pflege, denen sie in der Regel gerne nachkommen. Was aber sollen sie tun, wenn zum Beispiel ein alter und dementer Mensch das Essen mit Händen und Füßen verweigert? Was, wenn sich der Patient in Stuhl und Harn liegend nicht selbst waschen kann und sich auch nicht waschen lässt? Wie geht man mit Patienten um, die gegen ihre Mitbewohner oder auch das Pflegepersonal pöbeln und sie angreifen?

Hohe Dunkelziffer

Das genaue Ausmaß von Gewalthandlungen in Alten- und Pflegeheimen ist nicht bekannt. Die Dunkelziffer wird jedoch vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), dem Deutschen Berufsverband für Altenpflege (DBVA) und dem Sozialverband Reichsbund (RB), die sich schon 1998 in einer gemeinsamen Initiative gegen Gewalt in Pflegeheimen zusammengeschlossen haben, als sehr hoch eingeschätzt. Genaue Zahlen oder Untersuchungen dazu liegen nicht vor. Aus Angst vor Repressalien schweigen die betroffenen Opfer, ihre Angehörigen und auch Mitarbeiter oft.

Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte mit Sitz in Straßburg hat Ende 2001 massive Kritik an den deutschen Pflegeheimen geübt. Aus Straßburg hieß es dazu, dass bis zu 85% der deutschen Heimbewohner unterernährt seien, jeder Dritte an Austrocknung leide, weil zu wenig Flüssigkeit verabreicht werde.

Der Medizinische Dienst, als Heimkontrolle der Krankenversicherer unterwegs, sieht die vorhandenen Qualitätsdefizite nicht als Einzelfälle, sondern als strukturbedingtes Problem. Dabei steht der Medizinische Dienst selbst in der Kritik der Heimleitungen: Er ist nämlich für die Einstufung innerhalb der Pflegeversicherung zuständig und somit auch direkt für die Gelder, die den Heimen zur Betreuung zur Verfügung stehen.

Erschöpfung, Überlastung, mangelnde Qualifikation

Erschöpfung, Überlastung und unzureichende Qualifizierung des Pflegepersonals stehen an erste Stelle der Ursachen für die Mißstände in der Altenpflege. Die Anzahl der dementen und psychisch kranken Heimbewohner steigt kontinuierlich an und wird in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen.

Dabei ist die Fluktuation des Personals sehr hoch: Nur wenige bleiben länger als 5 Jahre im Beruf, weil sie den körperlichen und psychischen Anforderungen nicht gewachsen sind. Der in der Heimpersonal-Verordnung festgelegte Fachkräfte-Anteil von 50% wird von Experten nur als Untergrenze gesehen. Eine Quote von mindestens 60% wäre nach deren Einschätzung notwendig, um die Situation in den deutschen Heimen deutlich zu entspannen.

Vor allem aber fehlt eine Qualifizierung des Heimpersonals im Bereich "Psychiatrie". Der Deutsche Berufsverband für Altenpflege hat selbst schon die Forderung nach weitergehender Qualifizierung in der psychiatrischen Gerontologie gestellt. Ein von den Bundesministerinnen Renate Schmidt (Familie und Senioren) und Ulla Schmidt (Gesundheit) 2003 neu eingerichteter "Runder Tisch" zur Verbesserung des Niveaus der pflegerischen Betreuung soll sich bis 2005 mit Qualitätsaspekten der Pflege im Alter beschäftigen, obwohl das Gesetz zur Sicherung der Qualität in der Pflege bereits seit 2002 in Kraft getreten ist.

Die Einrichtung des Runden Tisches stößt bei vielen Beteiligten auf Unverständnis, da ihrer Meinung nach die Vorgaben mit dem neuem Gesetz bereits hinreichend beschrieben sind. Weitaus wichtiger ist eine grundlegende Umorientierung in den Zielen und Absichten der Altenpflege, die Lebensqualität und den Respekt vor der Individualität im Alter an die erste Stelle stellt.

Aktualisiert: 04.04.2014

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